Berufliche Veränderung – der Moment, in dem ich mir selbst nicht mehr zuhören konnte
- Denise Jox

- 10. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Heute geht es mir gut. Wirklich gut.
Wenn ich zurückblicke, wie oft ich vor ein paar Jahren noch auf die Frage „Wie geht’s dir?“ rumgedruckst habe – oder ehrlich gesagt einfach nur gejammert habe – dann wirkt das heute fast surreal.
Heute lebe ich in Ingelheim. Der Ort, an dem ich tatsächlich auch aufgewachsen bin.
Zum Studium ging es Anfang der 2000er nach Frankfurt, danach nach Mainz und seit 2014 bin ich wieder hier. Es ist schön. Man kennt sich. Die Kinder wachsen behütet auf. Ich bin nicht viel rumgekommen, aber immerhin ein bisschen.
Ich bin meinen Weg Stück für Stück immer weitergegangen. Habe wenig hinterfragt.
Und trotzdem war da insbesondere in den letzten zehn Jahren lange dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt.
Wenn ich an diese Zeit denke, erinnere ich mich vor allem daran, wie oft ich anderen erzählt habe, dass ich unzufrieden bin. Mit meinem Job, mit meiner Situation, mit vielem eigentlich. Ich war gereizt, unausgeglichen, oft auf Anschlag. Und ja – ich habe die Gründe dafür ziemlich gerne im Außen gesucht.
Beim Thema „Wie geht’s dir?“ denke ich oft an eine Bekannte mit ihrem Hund , die ich ein-, zwei-, dreimal im Jahr zufällig beim Spaziergang getroffen habe. Während Corona auch häufiger. Es war immer nett. Ein kurzer Austausch. Small Talk. Und ich habe ihr im Grunde jedes Mal das Gleiche erzählt.
Bis zu diesem einen Moment.
Sie fragte mich wie immer, wie es mir geht – und ich hielt inne.
Nicht, weil sich plötzlich etwas verändert hatte. Sondern, weil ich es selbst nicht mehr hören konnte.
Mich. Meine eigenen Worte.
Ich habe mich im Kopf schon sprechen hören und dachte nur: Das kann doch nicht dein Ernst sein.
An diesem Tag habe ich etwas anderes gesagt. Ich sagte: „Mir geht’s gut.“
Sie lächelte und freute sich ehrlich für mich. Wir gingen auseinander.
Aber etwas war anders.
Diese Begegnung, mit meiner Bekannten und ihrem Hund, war wie ein Spiegel. Ein ziemlich ehrlicher sogar.
Das Verrückte war: Ich war beruflich gut in dem, was ich getan habe.
Im Recruiting habe ich Menschen begleitet, Möglichkeiten gesehen, Perspektiven eröffnet. Ich habe Verbindungen hergestellt, unterstützt, Klarheit gegeben.
Nur bei mir selbst stand ich gefühlt mitten im Wald und habe die Bäume nicht gesehen.
Ein weiterer Moment kam 2023, als ich eine alte Freundin über Social Media wiedergetroffen habe, mit der ich Anfang der 2000er viel Zeit verbracht hatte. Diesmal eher zufällig. Ich habe nicht lange gezögert, bin ihrer recht spontanen Einladung gefolgt und zu ihr nach Malta geflogen, wo sie heute lebt. Unsere Kids sind im gleichen Alter. Vermutlich auch zufällig.
Es war, als würden zwei Welten aufeinandertreffen. Die Erinnerungen an früher – voller Leichtigkeit, Spontanität, Mut – und das, was ich heute war.
Sie hat mich immer wieder angeschaut und gesagt: „Mensch, Hise (mein Spitzname)… was ist eigentlich mit dir passiert?“
Und ich wusste genau, was sie meint.
Da war mal diese Version von mir: kreativ, offen, neugierig, gut gelaunt - für vieles zu haben.
Und 2023 war davon nicht mehr viel übrig.
Dort ist mir etwas sehr klar geworden.
Wir hatten eine unglaublich schöne Zeit auf Malta. Leicht, lebendig, fast wie früher. Und gleichzeitig hat es etwas in mir wachgerüttelt.
Zur gleichen Zeit hatte ich beruflich eigentlich alles, was nach außen gut aussieht. Ich hatte einen Vorstandsauftrag im Recruiting. Im Rahmen dessen viel Verantwortung, Vertrauen und eine Zusammenarbeit, die ich wirklich geschätzt habe.
Als dieser Auftrag im Oktober erfolgreich abgeschlossen war, habe ich geweint. Ja, ich bin ehrlich.
Nicht, weil etwas schlecht war.
Sondern, weil mir in diesem Moment klar wurde, dass ich unter meinem Potenzial lebe.
Nicht im Sinne von „höher, schneller, weiter“ und ich wollte nur noch Vorstandsaufträge haben. Das war es nicht.
Sondern im Sinne von: zu wenig Lebendigkeit, zu wenig echte Freude, zu wenig von dem, was mich eigentlich ausmacht. Zuviel Hamsterrad. Ich hatte gespürt, was möglich war und wollte nich mehr zurück.
Wenn ich heute zurückblicke, dann war es nicht dieser eine Moment, der alles verändert hat. Es waren viele kleine.
Die Summe der Begegnungen, Gespräche, Erfahrungen.
Spiegel.
Das Bild wurde klarer. Stück für Stück.
Rückblickend war das der Beginn meiner beruflichen Veränderung.
Ich habe gemerkt, dass ich irgendwo falsch abgebogen bin. Keine Einbahnstraße, aber ein Weg, der nicht meinem eigentlichen Wesen entspricht.
Was viele nicht sehen: Diese Erkenntnis heißt noch lange nicht, dass man sofort handelt.
Ich habe mich lange gesträubt. Gezögert. Hinterfragt. An mir selbst gezweifelt.
Bis November 2024. Dann habe ich gekündigt.
Von außen betrachtet vielleicht relativ spontan, fast wie von heute auf morgen.
Aber in Wahrheit war es das nicht.
Der Weg dahin war längst da. Und an diesem Punkt ging es für mich, Denise, nicht mehr weiter.
Die Gedanken, die Zweifel, die inneren Bewegungen.
Was in diesem Moment passiert ist, war eher:
Ich hatte endlich den Mut, dem zu folgen, was ich schon lange gespürt habe.
Heute geht es mir gut. Wirklich gut.
Nicht, weil alles perfekt ist.
Sondern, weil es sich stimmig anfühlt.
Ich habe nicht wirklich etwas verloren.
Aber ich habe viel zurückgewonnen.
Mich.
Meine Klarheit.
Meine Lebendigkeit.
Ich habe diese Bekannte mit dem Hund seitdem nicht mehr gesehen. Den Vorstand auch nicht. Und bei meiner Freundin auf Malta war ich zuletzt Anfang 2024.
Aber wenn ich heute an all diese Begegnungen denke, dann spüre ich vor allem eines:
Dankbarkeit.
Weil sie mich erinnert haben.
An das, was längst in mir war.
Herzlichst,
Denise

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