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Integrität beginnt dort, wo wir aufhören, uns selbst zu zensieren

Wenn mich heute jemand fragt, warum ich meinen sicheren Job aufgegeben habe, dann könnte ich viele Antworten geben. Ich könnte über berufliche Unzufriedenheit sprechen, über Veränderungswünsche, über den Wunsch nach Selbstständigkeit oder über meine Coaching-Ausbildungen.


Aber wenn ich ganz ehrlich bin, liegt die eigentliche Antwort viel tiefer.


Sie hat mit einem meiner wichtigsten Werte zu tun: Integrität.


Die Idee, Menschen als Coach zu begleiten, begleitet mich schon seit vielen Jahren – eigentlich seit meiner Ausbildung zur Logotherapeutin. Damals wusste ich noch nicht genau, wohin mich dieser Weg führen würde. Aber ich spürte schon früh, dass ich Menschen dabei unterstützen möchte, ihren eigenen Weg zu finden und nicht den Weg, den andere für sie vorgesehen haben.


Gleichzeitig war ich viele Jahre Recruiterin. In dieser Zeit habe ich mit unzähligen Menschen gesprochen: mit Menschen, die ihren Job liebten, mit Menschen, die sich verändern wollten, mit Menschen, die sich nicht gesehen fühlten, unter schlechter Führung litten oder längst spürten, dass etwas nicht mehr passt.


Je länger ich zuhörte, desto deutlicher wurde mir etwas:


Viele Menschen sind nicht unzufrieden, weil sie zu wenig können. Viele Menschen leiden, weil sie sich selbst nicht mehr treu sind. Weil sie Dinge schlucken. Weil sie sich anpassen. Weil sie nicht aussprechen, was sie wirklich denken. Weil sie gelernt haben, dass Ehrlichkeit unbequem werden kann.


Vielleicht war genau das auch mein eigenes Thema.


Denn irgendwann merkte ich, dass Coaching und Angestelltenverhältnis für mich immer schwieriger miteinander vereinbar wurden. Nicht, weil ich meinem Arbeitgeber gegenüber illoyal gewesen wäre – im Gegenteil. Ich war immer loyal.


Aber ich wusste auch, dass ich viele Dinge, die ich heute öffentlich ausspreche, damals nicht hätte sagen können. Nicht, weil sie falsch gewesen wären. Sondern weil sie unbequem gewesen wären.


Und genau dort begann mein innerer Konflikt.

Denn ich wollte nie gegen Unternehmen arbeiten. Ich wollte nie Führungskräfte kritisieren.

Ich wollte nie anklagen. Darum geht es mir bis heute nicht.


Was mich interessiert, ist etwas anderes:

Warum fällt es uns oft so schwer, ehrlich hinzuschauen?


Ich erinnere mich noch gut an eine Mitarbeiterbefragung. Die Ergebnisse fielen deutlich schlechter aus, als die Führungskraft es erwartet hatte. Was mich damals irritierte, war nicht das Ergebnis, sondern die Reaktion darauf.


Die betroffene Gruppe bekam deutlichen Gegenwind. Sinngemäß wurde vermittelt:

„Wie konntet ihr das so bewerten?“

Und ich erinnere mich noch heute daran, wie widersprüchlich sich das angefühlt hat.


Denn wozu führen wir Mitarbeiterbefragungen durch?


Doch nicht, um bestätigt zu bekommen, dass alles wunderbar läuft. Sondern um herauszufinden, wo etwas nicht funktioniert. Um zu verstehen. Um besser zu werden. Um hinzuschauen. Ein weiteres Beispiel ist mir vor Kurzem begegnet: Vor Kurzem erzählte mir jemand von einer Mitarbeiterin, die ganz offen sagte:

"Ich komme freitags gerne ins Büro, weil weniger Leute da sind."


Mich hat dieser Satz überhaupt nicht schockiert. Warum auch?

Es ist eine Beobachtung. Eine persönliche Erfahrung. Eine ehrliche Antwort.


Was mich viel mehr beschäftigt hat, war das, was danach nicht passierte.

Niemand fragte nach. Niemand sagte:


"Das finde ich interessant. Warum siehst du das so?"

Oder:

"Was ist für dich anders, wenn weniger Menschen da sind?"


Stattdessen blieb die Aussage einfach im Raum stehen.


Und ich hatte das Gefühl, dass in manchen Köpfen bereits die Schubladen aufgingen.


Dabei wissen wir in Wahrheit noch gar nichts.


Wir kennen weder die Beweggründe noch die Geschichte hinter dieser Aussage.

Vielleicht arbeitet dieser Mensch konzentrierter, wenn weniger los ist. Vielleicht fühlt er sich in einer ruhigeren Umgebung wohler. Vielleicht gibt es einen ganz anderen Grund.


Wir wissen es nicht. Denn niemand hat gefragt. Und genau das finde ich spannend.

Nicht die Aussage selbst.


Sondern wie schnell wir manchmal anfangen zu bewerten, anstatt neugierig zu werden.

Denn Entwicklung beginnt oft nicht dort, wo wir Antworten geben.

Sondern dort, wo wir bereit sind, Fragen zu stellen.


Vielleicht beginnt echte Entwicklung deshalb nicht mit einer neuen Strategie, einer weiteren Befragung oder dem nächsten Kulturprogramm.


Und alles beginnt meines Erachtens mit dieser sehr "einfachen" Frage:


Trauen sich die Menschen wirklich, die Wahrheit zu sagen?


Und noch wichtiger:

Trauen sie sich, die Wahrheit vor sich selbst auszusprechen?


Denn viele Antworten kennen wir längst. Wir haben nur gelernt, sie zu überhören. Aus Angst vor den Konsequenzen.


Ehrlichkeit braucht Vertrauen. Manchmal das Vertrauen, dass andere uns zuhören.


Vor allem aber das Vertrauen in uns selbst.


Das Vertrauen, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen. Den eigenen Gedanken und Gefühlen zu glauben. Dinge auszusprechen, auch wenn nicht jeder zustimmt.


Denn Integrität beginnt für mich genau dort.


In dem Moment, in dem ich aufhöre, mich selbst zu zensieren.

In dem Moment, in dem ich mich und meine Wahrnehmung wichtig nehme.


Nicht, weil ich recht haben muss.

Nicht, weil andere meiner Meinung sein müssen.

Sondern weil das, was ich wahrnehme, einen Platz haben darf.


Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass ich nicht falsch bin, nur weil ich Dinge anders sehe.


Dass ich nicht das Problem bin, nur weil mich etwas beschäftigt.


Und dass ich meine Wahrnehmung nicht kleinreden muss, damit andere sich wohler fühlen.


Wenn mich etwas berührt, beschäftigt oder wiederholt auftaucht, dann hat es für mich eine Bedeutung. Dann darf ich hinschauen. Dann darf ich Fragen stellen. Dann darf ich es aussprechen.


Nicht als absolute Wahrheit.

Sondern als meine.


Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Klarheit oft nicht dadurch entsteht, dass jemand uns sagt, was wir tun sollen. Sondern dadurch, dass wir endlich aussprechen dürfen, was schon lange in uns arbeitet.


Ohne bewertet zu werden.

Ohne uns rechtfertigen zu müssen.

Ohne sofort eine Lösung präsentieren zu müssen.


Einfach ehrlich.


Wenn du das Gefühl hast, dass es Themen gibt, die du schon lange mit dir herumträgst, wenn du beruflich oder persönlich an einem Punkt stehst, an dem du spürst, dass etwas nicht mehr stimmig ist, oder wenn du dir einfach einen Ort wünschst, an dem du ehrlich aussprechen kannst, was dich wirklich beschäftigt, dann lass uns sprechen.


Genau dafür halte ich diesen Raum – wertfrei, auf Augenhöhe und mit der festen Überzeugung, dass Ehrlichkeit oft der erste Schritt in Richtung Veränderung ist.

 
 
 

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