Was eine Haarfarbe mit Selbstannahme zu tun hat und wie daraus eine Lebenseinstellung wurde
- Denise Jox

- 14. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Ende 2022 habe ich aufgehört, meine Haare zu färben.
Wenn ich heute darüber nachdenke, wirkt das fast wie eine Kleinigkeit. Eine dieser Entscheidungen, die man nebenbei trifft und denen man zunächst keine große Bedeutung beimisst.
Damals hatte ich einfach keine Lust mehr. Keine Lust mehr auf die regelmäßigen Friseurtermine. Keine Lust mehr auf Chemie auf meinem Kopf. Keine Lust mehr darauf, alle paar Wochen Zeit und Geld dafür aufzuwenden, etwas zu verstecken, das ganz natürlich zu mir gehört.
Vor allem aber hatte ich keine Lust mehr auf diesen ständigen Kreislauf.
Kaum waren die Haare frisch gefärbt, begann das Warten auf den nächsten Ansatz. Nach wenigen Wochen wanderte der Blick automatisch wieder zum Spiegel. Ist es schon sichtbar? Muss ich bald wieder färben? Wann finde ich einen Termin?
Irgendwann habe ich mich gefragt: Warum eigentlich?
Warum investiere ich so viel Zeit, Energie und Aufmerksamkeit in etwas, das völlig natürlich ist?
Die Natur sagt schließlich nicht plötzlich: „Ab heute bist du falsch.“
Sie tut einfach das, was Natur nun einmal tut.
Sie verändert sich.
So wie wir uns verändern.
So wie das Leben sich verändert.
Trotzdem scheint es gesellschaftlich vollkommen normal zu sein, diesen natürlichen Prozess möglichst unsichtbar zu machen. Werbung verspricht jugendliches Aussehen, Hochglanzmagazine zeigen makellose Gesichter und selbst graue Haare werden oft noch als etwas dargestellt, das man korrigieren oder kaschieren sollte.
Ich habe mich irgendwann gefragt, wer diese Regeln eigentlich aufgestellt hat.
Und noch wichtiger:
Warum folgen wir ihnen so selbstverständlich?
Die Reaktionen auf meine Entscheidung ließen jedenfalls nicht lange auf sich warten. Sogar im Job wurde ich gefragt:
„Was soll das denn werden?“
Die Frage war vermutlich gar nicht böse gemeint. Trotzdem ist sie mir bis heute im Gedächtnis geblieben.
Denn eigentlich ging es dabei gar nicht um Haare.
Es ging um etwas, das wir alle kennen.
Sobald jemand von der Norm abweicht, werden wir aufmerksam.
Wir beobachten.
Wir bewerten.
Wir kommentieren.
Solange Menschen tun, was erwartet wird, fallen sie kaum auf. Doch sobald jemand einen anderen Weg einschlägt, scheint plötzlich jeder eine Meinung dazu zu haben.
Dabei habe ich im Laufe meines Lebens immer wieder festgestellt, wie oft wir uns von Äußerlichkeiten leiten lassen.
Von Bildern.
Von Siegeln.
Von Statussymbolen.
Von dem Eindruck, den jemand auf den ersten Blick vermittelt.
Wir entscheiden innerhalb von Sekunden, ob jemand erfolgreich, kompetent, attraktiv oder sympathisch wirkt. Und vergessen dabei oft, genauer hinzuschauen.
Vielleicht liegt genau darin eines der größten Missverständnisse unserer Zeit.
Dass wir gelernt haben, Oberflächen zu bewerten, anstatt Entwicklung zu würdigen.
Denn graue Haare erzählen keine Geschichte vom Altwerden.
Sie erzählen eine Geschichte vom Leben.
Von Erfahrungen.
Von Veränderungen.
Von gelebten Jahren.
Und eigentlich ist es doch bemerkenswert, dass wir etwas verstecken sollen, das zeigt, dass wir gelebt haben.
Heute liebe ich meine Haare.
Nicht, weil Grau schöner wäre als jede andere Haarfarbe.
Und auch nicht, weil jede Frau ihre Haare grau tragen sollte.
Jeder Mensch darf seinen eigenen Weg finden.
Für mich bedeutet diese Entscheidung etwas anderes.
Ein für mich war es ein wichtiger Schritt Richtung Selbstannahme.
Und diese Entscheidung steht für Freiheit.
Für die Freiheit, nicht ständig kontrollieren zu müssen, ob ein Ansatz sichtbar wird.
Für die Freiheit, nicht mehr gegen etwas anzukämpfen, das ohnehin zu mir gehört.
Und vielleicht auch für die Freiheit, meine eigene Sichtweise über die Erwartungen anderer zu stellen.
Rückblickend war diese eher aus praktischen Gründen getroffene Entscheidung deshalb viel größer, als ich damals ahnte.
Sie hat mich eingeladen, auch an anderen Stellen genauer hinzuschauen.
Wo folge ich eigentlich Regeln, die ich nie bewusst hinterfragt habe?
Welche Vorstellungen übernehme ich, weil sie gesellschaftlich akzeptiert sind?
Und wo versuche ich vielleicht noch immer, etwas zu korrigieren, das gar kein Fehler ist?
Ich glaube heute, dass Entwicklung nichts ist, wofür wir uns schämen müssen.
Im Gegenteil.
Entwicklung ist ein Zeichen dafür, dass wir leben.
Dass wir lernen.
Dass wir Erfahrungen sammeln.
Dass wir uns verändern.
Vielleicht beginnt Freiheit manchmal genau dort:
In dem Moment, in dem wir aufhören, gegen natürliche Veränderungen anzukämpfen und stattdessen neugierig werden auf das, was sie uns zeigen möchten.
Bei mir begann dieser Weg mit einer Haarfarbe.
Und vielleicht ging es dabei nie wirklich um Haare.

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