Selbstführung lernen: Warum ich Entscheidungen heute anders treffe als früher
- Denise Jox

- 8. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Manchmal frage ich mich, ob Entscheidungen früher tatsächlich leichter waren.
Und die ehrliche Antwort lautet: Ja.
Zumindest haben sie sich leichter angefühlt.
Nicht unbedingt, weil sie besser waren. Sondern weil ich sie anders getroffen habe.
Früher gab es oft einen klaren Weg. Einen nächsten Schritt. Eine Erwartung. Eine Vorstellung davon, was vernünftig ist und was man eben macht.
Also habe ich entschieden.
Relativ schnell.
Pragmatisch.
Und häufig auf Autopilot.
Heute ist das anders.
Denn ich habe mir selbst etwas geschworen:
Ich möchte nichts mehr tun, hinter dem ich nicht zu 90 bis 100 Prozent stehe.
Das klingt im ersten Moment vielleicht einfach.
Ist es aber nicht.
Denn plötzlich reicht ein „Das wäre doch sinnvoll“ nicht mehr aus.
Ein „Das macht man halt so“ auch nicht.
Und selbst ein „Das ist eine tolle Gelegenheit“ bedeutet noch lange nicht, dass es die richtige Gelegenheit für mich ist.
Vielleicht ist das der Preis der Freiheit.
Denn Freiheit bedeutet nicht nur, mehr Möglichkeiten zu haben.
Freiheit bedeutet auch, selbst entscheiden zu müssen.
Und genau das macht sie manchmal herausfordernd.
In den letzten Wochen habe ich das besonders stark gespürt.
Es war viel los.
Neue Begegnungen.
Neue Ideen.
Spannende Gespräche.
Impulse, die etwas in Bewegung gebracht haben.
Und gleichzeitig jede Menge Gedanken in meinem Kopf.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass eine Idee kaum ausgesprochen ist, bevor die nächste schon an die Tür klopft.
Das ist wunderschön.
Und manchmal auch anstrengend.
Denn jede Idee möchte Aufmerksamkeit.
Jeder Gedanke möchte betrachtet werden.
Jede Möglichkeit scheint zunächst interessant.
Aber ich habe gelernt, dass nicht jede Möglichkeit auch mein Weg ist.
Und vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse der letzten Zeit:
Nur weil sich eine Tür öffnet, bedeutet das nicht, dass ich hindurchgehen muss.
Früher hätte ich viele dieser Türen vermutlich geöffnet.
Nicht unbedingt, weil sie sich richtig angefühlt haben.
Sondern weil sie vernünftig erschienen.
Weil andere gesagt hätten: „Das solltest du machen.“
Weil man Chancen doch nutzen muss.
Heute höre ich genauer hin.
Nicht auf die lauteste Stimme im Außen.
Sondern auf die leisere Stimme in mir.
Auf dieses Gefühl, das sich manchmal nur für einen kurzen Moment zeigt.
Auf die Freude.
Auf die Leichtigkeit.
Oder eben auf das leichte Zusammenziehen im Bauch, obwohl etwas auf dem Papier großartig aussieht.
Ich glaube inzwischen, dass unser Körper oft früher weiß, was für uns stimmig ist, als unser Verstand.
Und nein, das bedeutet nicht, dass jede Entscheidung sofort klar sein muss.
Es bedeutet lediglich, dass wir unsere eigene Wahrnehmung wieder ernst nehmen dürfen.
Für mich ist genau das Selbstführung.
Ein Begriff, der manchmal etwas abstrakt klingt.
Dabei ist er eigentlich ganz praktisch.
Selbstführung bedeutet für mich, mich immer wieder zu fragen:
Tue ich das, weil ich es wirklich möchte?
Oder tue ich es, weil jemand anderes möchte, dass ich es tue?
Weil es erwartet wird?
Weil es vernünftig erscheint?
Weil es sich gehört?
Diese Fragen haben mein Leben verändert.
Denn plötzlich gibt es niemanden mehr, der den Weg vorgibt.
Keinen Karriereplan.
Keine Checkliste.
Kein „So wird es gemacht“.
Und wenn niemand mehr sagt, was richtig oder falsch ist, bleibt eine Frage übrig:
Wem vertraue ich eigentlich?
Ich habe in den vergangenen Jahren viele Menschen kennengelernt.
Manche Begegnungen waren wunderschön.
Andere haben sich später ganz anders entwickelt, als ich zunächst dachte.
Manche Menschen begleiten uns ein Stück unseres Weges.
Andere verschwinden wieder.
Ideen kommen.
Ideen gehen.
Möglichkeiten entstehen.
Möglichkeiten verschwinden.
Das gehört zum Leben dazu.
Aber ein Mensch begleitet mich durch all diese Phasen.
Ich selbst.
Und vielleicht dürfen wir lernen, uns selbst genauso wichtig zu nehmen wie die Meinung anderer.
Uns selbst genauso aufmerksam zuzuhören wie einem Experten.
Und uns selbst genauso zu vertrauen, wie wir oft anderen vertrauen.
Denn am Ende leben wir mit den Konsequenzen unserer Entscheidungen.
Nicht die anderen.
Das erlebe ich übrigens auch immer wieder in meiner Arbeit als Coach.
Coaching kann unglaublich kraftvoll sein.
Es kann Klarheit schaffen.
Neue Perspektiven eröffnen.
Blockaden sichtbar machen.
Es kann Menschen dabei unterstützen, sich selbst wieder näherzukommen.
Aber es gibt einen Teil, den niemand für einen anderen Menschen übernehmen kann.
Die Umsetzung.
Die Entscheidung.
Den ersten Schritt.
Die Verantwortung.
So sehr wir uns manchmal wünschen, dass jemand anderes unser Leben für uns ordnet – am Ende bleibt die Aufgabe bei uns selbst.
Und das ist keine schlechte Nachricht.
Im Gegenteil.
Denn genau darin liegt auch die größte Freiheit.
Die Freiheit, den eigenen Weg zu wählen.
Die Freiheit, Nein zu sagen.
Die Freiheit, Umwege zu verlassen.
Die Freiheit, nicht jede offene Tür durchschreiten zu müssen.
Und die Freiheit, darauf zu vertrauen, dass sich der nächste Schritt zeigt, wenn die Zeit dafür reif ist.
Vielleicht müssen wir nicht immer sofort wissen, wie es weitergeht.
Vielleicht dürfen wir manchmal auch aushalten, dass gerade niemand da ist, der uns sagt, was wir tun sollen.
Vielleicht dürfen wir lernen, unserer eigenen Stimme wieder zuzuhören.
Denn oft wissen wir längst mehr, als wir denken.
Wir haben nur verlernt, uns selbst zu vertrauen.
Und vielleicht beginnt genau dort der Weg.
Nicht bei der nächsten großen Entscheidung.
Sondern bei der Bereitschaft, wieder in Verbindung mit sich selbst zu treten.
Leise.
Ehrlich.
Und Schritt für Schritt.

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