Warum wir bleiben, obwohl wir längst wissen, dass der Job nicht mehr passt
- Denise Jox

- 24. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Irgendwann kommt dieser Moment,
in dem Du eigentlich weißt:
So wie es gerade ist, kann es nicht bleiben.
Nicht unbedingt, weil alles furchtbar ist.
Das macht es ja gerade so schwierig.
Denn oft ist vieles „eigentlich ganz okay“.
Der Job nach außen angesehen gut.
Das Gehalt verlässlich.
Die Benefits ordentlich.
Flexible Arbeitszeiten.
Tarifvertrag.
Sicherer Arbeitgeber.
Vielleicht sogar ein Unternehmen mit Auszeichnungen und tollen Siegeln.
„Top Arbeitgeber“.
„Beste Work-Life-Balance“.
„Great Place to Work“.
Und natürlich gibt es davon auch vieles wirklich.
Das möchte ich überhaupt nicht kleinreden.
Aber trotzdem kann etwas innerlich nicht mehr passen.
Das war für mich lange schwer zu greifen.
Weil ich mir selbst immer wieder eingeredet habe:
Jetzt stell Dich mal nicht so an.
Andere wären froh über so einen Job.
Vielleicht bist Du einfach zu empfindlich.
Und genau da beginnt oft das eigentliche Problem:
Du fängst an, Deiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr zu trauen.
Denn im Außen scheint doch alles gut zu sein.
Und wenn dann alle um Dich herum weitermachen, funktionieren, lachen, ihre Witze machen und morgens geschniegelt mit ihrem Firmenausweis durchs Gebäude laufen, fragst Du Dich irgendwann:
Warum fühle ausgerechnet ich mich hier so fremd?
Ich kenne dieses Gefühl sehr gut.
Dieses stille Anderssein mitten unter Menschen.
Ich saß in einer riesigen Kantine mit tausenden Menschen
und habe mich einsamer gefühlt als alleine zuhause.
Und das Verrückte war:
Ich bin eigentlich überhaupt kein ungeselliger Mensch.
Im Gegenteil.
Ich liebe ehrlichen Austausch.
Tiefe Gespräche.
Humor.
Verbindung.
Aber irgendwann bin ich nur noch zu Randzeiten essen gegangen.
Nicht bewusst geplant.
Es ist einfach passiert.
Weil mir alles zu viel wurde.
Zu laut.
Zu oberflächlich.
Zu wenig echt.
Auch dieses „Kommst Du mit Kaffee trinken?“ wurde irgendwann schwierig.
Früher wäre ich selbstverständlich mitgegangen.
Später saß ich oft dabei und dachte:
Ich passe hier einfach nicht mehr rein.
Nicht wegen der Menschen an sich.
Viele waren wirklich nett.
Aber die Verbindung hat gefehlt.
Die Themen.
Die Wellenlänge.
Dieses Gefühl von: Ich bin hier richtig.
Und dann passiert noch etwas anderes:
Die Menschen, mit denen Du Dich wirklich verbunden fühlst, verschwinden oft nach und nach selbst.
Das war bei mir genauso.
Gerade die Kolleginnen und Kollegen, bei denen ich dachte:
Endlich normale Menschen.
Die, die kritisch hinterfragt haben.
Die, die nicht einfach nur „Juhu“ gerufen haben.
Die, die Dinge gespürt haben.
Einer nach dem anderen ging, mehr oder weniger freiwillig.
Und irgendwann sitzt Du da und merkst:
Jetzt bin ich wirklich allein.
Das macht etwas mit einem.
Denn Zugehörigkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis.
Auch im Job.
Vielleicht sogar besonders dort, weil wir einen so großen Teil unseres Lebens dort verbringen.
Und trotzdem bleiben wir oft.
Warum?
Weil da diese unsichtbaren Fesseln sind.
Die Sicherheit.
Das planbare Gehalt.
Die Routine.
Das Bekannte.
Selbst wenn das Gehalt eigentlich gar nicht dem entspricht, was Du Dir wirklich wünschst oder was Deiner Leistung entspricht:
Es kommt zuverlässig.
Jeden Monat.
Und das beruhigt.
Zumindest oberflächlich.
Dazu kommt die Komfortzone.
Wobei ich dieses Wort mittlerweile schwierig finde.
Denn oft ist diese Zone gar nicht mehr komfortabel.
Sie ist nur vertraut.
Und Vertrautheit fühlt sich für unser Nervensystem erstmal sicherer an als Veränderung.
Selbst dann, wenn wir längst leiden.
Und natürlich spielt auch Angst eine Rolle.
Die Angst vor dem „Was dann?“
Was, wenn es woanders genauso ist?
Was, wenn ich scheitere?
Was, wenn ich die falsche Entscheidung treffe?
Ich glaube, viele Menschen warten unbewusst auf den perfekten Grund zu gehen.
Auf den großen Knall.
Den eindeutigen Beweis.
Die absolute Gewissheit.
Aber die kommt oft nicht.
Stattdessen wird das Gefühl einfach immer lauter.
Leiser im Außen vielleicht.
Aber lauter in Dir.
Du ziehst Dich zurück.
Wirst stiller.
Hast weniger Energie.
Und irgendwann merkst Du:
Es kostet unglaublich viel Kraft, gegen Dich selbst zu leben.
Ich glaube heute:
Wir bleiben oft so lange, bis der Schmerz größer wird als die Angst.
Bis dieser berühmte Point of no Return erreicht ist.
Der Punkt, an dem Du spürst:
Ich kann nicht mehr so tun, als würde es noch passen.
Und nein, das bedeutet nicht automatisch, sofort zu kündigen oder alles hinzuschmeißen.
Aber vielleicht bedeutet es, endlich ehrlich hinzuschauen.
Nicht auf das Außen.
Nicht auf Titel, Siegel oder das, was „man eigentlich haben sollte“.
Sondern auf Dich.
Auf Dein Gefühl.
Deine Werte.
Deine Wahrheit.
Denn manchmal liegt das Problem nicht darin, dass Du undankbar bist.
Sondern darin, dass Du Dir selbst nicht die Liebe und Zuwendung gibst, die Du verdient hast. Denn dann würdest Du mehr auf Dich achten.
Herzlichst,
Denise

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